Julia & Matthias 2020

Während ich diese Zeilen schreibe, wurde gerade der erneute Lockdown verkündet, ich warte auf mein hoffentlich negatives Testergebnis und merke, wie sich eine innere Unruhe in mir ausbreitet. Ich bin müde. Müde von den vergangenen Monaten und wünsche mir nichts mehr als ein bisschen Normalität. Ich erlaube mir diese Müdigkeit und muss mich ab und zu daran erinnern, dass das wohl normal ist in solch einer Situation. Ich meine, wer von uns hat so etwas schon mal erlebt?

Ein guter Zeitpunkt, um das (Nicht-)Erlebte Revue passieren zu lassen und dich mit in unser Jahr 2020 zu nehmen.

Ein Jahr, wie kein Anderes für uns. Komisch, denn eigentlich dachten wir, dass das 2018 bzw. 2019 für uns war. 2020 ist dennoch anders als die Jahre zuvor und bringt alles durcheinander. Und irgendwie sind wir uns da ganz sicher, dass uns diese Tatsache alle miteinander verbindet.

Wir haben Ende 2017 unsere Weltreise gestartet und haben uns zwei Jahre lang diese wunderschöne Welt angeschaut. All die gesammelten Eindrücke, Begegnungen und Momente nehmen Raum ein, wollen verarbeitet werden und können erst so zu besonderen Erinnerungen für immer werden. Nach zwei Jahren auf Reise planten wir einen Heimatbesuch ein. Wir buchten Flüge von Indien nach Deutschland und sahen pünktlich zu Weihnachten in die überraschten und etwas verdutzten Gesichter unserer Familien und Freunde. Für uns war diese Heimreise kein Ende unserer Weltreise, sondern nur ein Zwischenstopp, um unsere Lieben wieder einmal in die Arme zu schließen. Obwohl wir das wussten, fiel es uns schwer in Indien das Flugzeug zu besteigen. Es war ein komisches Gefühl, obwohl wir doch wussten, dass wir ganz bald schon wieder in Australien sein werden. Das Arbeitsvisum hatten wir zu diesem Zeitpunkt nämlich schon in der Tasche. Wir hatten ja keine Ahnung, wie alles kommen würde.

In Deutschland genossen wir die Zeit in vollen Zügen, sahen unsere Umwelt mit ganz anderen Augen und waren (sind es noch immer!) überaus dankbar für die Erlebnisse weit weg und den Rückhalt vor Ort.

Wir buchten im Februar unseren Flug zurück nach Australien. Corona trieb da bereits ihr Unwesen, aber wir waren zuversichtlich – Corona schien weit weg. Eine Woche vor unserem Abflug hat Singapur die Einreise und den Transit für aus Deutschland Kommende geschlossen und ein paar Stunden später wurden unsere Flüge offiziell storniert. Ohne Zwischenstopp nach Australien reisen? Unmöglich! Wir suchten also nach anderen Flügen, die nicht über Singapur gingen und die Preise explodierten förmlich. Wir wussten insgeheim, dass die Chance noch nach Australien zu kommen, verschwinden gering ist und ehe wir uns versahen, hat auch Australien die Grenzen geschlossen. Puh, harter Tobak für uns. Unsere Pläne lösten sich von jetzt auf gleich in Luft auf. Nun saßen wir also auf gepackten Rucksäcken in Deutschland und fühlten uns gelähmt von der Situation. Wir wussten nicht, wo der Weg hingeht und doch vertrauten wir darauf, dass es so sein soll. Die Monate vergingen, wir verfolgten die Nachrichten, waren tief getroffen von dem Buschfeuer, was in Australien wütete und verloren trotzdem irgendwie nicht die Hoffnung, dass wir Ende des Jahres wieder in Australien sein würden und im November zu Gast bei einer Hochzeit auf den Philippinen.

Wir wollten die Zeit bis dahin möglichst gut nutzen und versuchten das Beste daraus zu machen. Schließlich ist die Zeit mit Familie und Freunden wertvoll.

Während wir also weiterhin bei unseren Eltern Unterschlupf fanden, fingen wir an, uns zu bewerben. Das war angesichts der Situation allerdings nicht so erfolgreich. Erst im Mai begann Julia einen neuen Job. Im Juli startete dann auch Matthias im neuen Job. Nach 5 gemeinsamen Jahren zogen wir in unsere erste gemeinsame Wohnung in Nürnberg. Und das war für uns auf jeden Fall auch ein aufregender Moment. Das Leben ohne festen Wohnsitz endete offiziell mit einer Meldebescheinigung. So langsam kehrte der Alltag zurück in unser Leben. Ein Alltag, den wir nicht vermisst haben und dem wir am liebsten entfliehen würden. Wir haben diesen Alltag gegen unsere Rucksäcke und unsere Kamera eingetauscht.

Als im Sommer die Regelungen ein bisschen gelockert wurden, begann Julia Outdoor Yoga in Nürnberg zu unterrichten. Vier Monate war das ein fester Bestandteil und eine echte Bereicherung. Wenn Matthias mal nicht mitgemacht hat, dann hat er Bilder von den Yogaklassen gemacht. Allgemein waren wir in 2020 viel in der Natur, denn die hat immer geöffnet. Wir haben reichlich frische Luft geschnuppert bei egal welchem Wetter und dabei immer wieder festgestellt, wie gut uns das tut. Es schafft nämlich auch Klarheit im Kopf und das haben wir öfters gebraucht. Es ist also nicht verwunderlich, dass unsere Fotos aus 2020 zu einem Großteil in der Natur entstanden sind. Keine fancy Smoothiebowl oder ein Karibiktraumstrand. Nein, diesmal die Natur vor unserer Haustür.

Unser Reiseblog befindet sich in einem tiefen Winterschlaf und irgendwie schmerzt es schon fast, ihn so stiefmütterlich zu behandeln. Wir haben noch so viele Bilder und Berichte von der Reise, die wir teilen möchten, doch derzeit fühlt es sich nicht richtig an, jemanden zum Reisen zu animieren.

Die Situation ist keine einfache und doch wissen wir, dass es so am besten ist. Wir sind froh, in einem Land wie Deutschland zu leben, ein Dach über dem Kopf zu haben und im Fall der Fälle gut abgesichert zu sein. Und obwohl wir nicht dankbarer sein könnten, klopft unser Fernweh regelmäßig bei uns an. Wir sehen uns oft mit der Frage konfrontiert, wie wir unser Leben überhaupt gestalten wollen. Ewig Reisende? Ewig auf der Suche sein? Wir wissen es nicht und 2020 wird diese Frage wohl auch nicht beantworten. 2020 hat uns aber dazu bewegt, den Moment noch intensiver zu genießen und wertzuschätzen – und das obwohl wir von uns dachten, wir können das schon ganz gut.

2020 war alles andere als normal. Sicher jeder hat sich dieses Jahr anders vorgestellt, als es nun ist und trotzdem ist uns persönlich daran gelegen, es mit Erinnerungen zu füllen. Auch wenn diese vielleicht ganz anders aussehen, fast schon ungewöhnlich sind.

 

 

 

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